Haubitzen

Bei den deutschen Panzerhaubitzen in der Ukraine, sieben an der Zahl, soll es auch schon Mängel und Verschleißprobleme geben. Kann ich mir aus verschiedenen Gründen gut vorstellen, auch wenn die meisten Nachrichten und Meldungen (von beiden Seiten) wahrscheinlich erlogen sind. Und die Munition für den Flugabwehrpanzer, Gepard, passt angeblich auch nicht, jetzt muss Patrone für Patrone nachgearbeitet werden. Nicht sehr sinnig, komplexe Waffensysteme zu liefern, mit denen die Empfänger nicht vertraut sind; wenn man kein Personal ordentlich ausbildet und im verschleißschonenden Umgang unterweist, kann man das Gerät auch gleich selbst verschrotten. Gut, man wollte die Kisten natürlich schnell an die Front bringen und losballern, bis die Schwarte kracht … Pech, da müssen die Deutschen halt nachliefern.

Nebenbei …

Im Radio, einer dieser eintönigen Berliner Sender, wo ständig Hits in Heavy Rotation laufen, was ich gelegentlich im Auto höre, läuft seit ein paar Wochen ein politischer Werbespot, ich hab den schon zweimal gehört, also wird er offenbar oft gesendet, und der geht so:
Eine Mädchen-, also weibliche Kleinkinderstimme sagt in akzentfreiem Deutsch: „Ich will nicht, dass alle immer sagen, als Ausländer kannst du hier sowieso nichts werden.“ So so. Alle sagen das immer. Finde den Fehler.
Es gibt noch andere Sprüche in Variationen, aber der ist bei mir im Kopf haften geblieben, weil der so unverschämt dreist daherkommt und eine freche, geradezu hetzerische Unterstellung enthält, die die Wirklichkeit quasi wie auf einem Filmnegativ in invertierten Farben abbildet. In der S-Bahn, die ich seit langer Zeit mal wieder genutzt hatte, hingen eingerahmte Propagandaplakate, auf denen vorgebliche ausländerfeindliche Klischees und Vorurteile stehen, die man den Deutschen hierzulande pauschal immer unterstellt. … Na ja, eigentlich kein Wunder, wo wir jetzt so eine engagierte (Anti-)Diskriminierungsbeauftragte haben. Die wird den Kartoffeln schon noch ordentlich einheizen …

Was man gegen Unwohlsein tun kann

Einfach mal vor die Tür gehen und tief durchatmen. Wenn man sich bei einem Konzert unwohl fühlt, weil einige Musiker dieser Band Rastalocken oder exotische Kleidung tragen oder fremdländisch klingende Sounds spielen … Wenn man sich als Konzertbesucher davon gestört fühlt, warum verpisst man sich nicht einfach, warum verlässt man dann nicht einfach diese als anstößig empfundene Darbietung? Schon komisch, man kann doch jederzeit weg, wenn einem der Anblick der Musiker oder die Musik nicht gefällt.
Und warum bricht der Veranstalter dann ab, obwohl die Stimmung super ist und offensichtlich niemand sonst ein Problem hat. Nur weil ein, zwei oder drei Leuten, einer Minderheit also, das nicht gefällt?
Weil es rückgratlose Mollusken sind? Oder weil es hier nicht um Befindlichkeiten geht? Sondern um was? Mal nachdenken … „kulturelle Aneigung“ – aha. Hieß es nicht immer, wir sind so offen und tolerant, daher kann man alles sein, was man will? Gibt es denn einen besseren Beweis für kulturelle Offenheit, wenn man fremde ethnokulturelle Elemente übernimmt, adaptiert, annimmt und integriert – so als Gegensatz zur „Deutschtümelei“? Nein, falsch. Dem Deutschen steht es nur zu, Schlager oder Marschmusik zu hören oder vielleicht elektronisch zu musizieren – in Lederhose und mit streng militärischem Kurzhaarschnitt. Damit man immer weiß, mit wem man es zu tun hat.

In der DDR erhielt übrigens mal eine Rockband Auftrittsverbot, weil der Sänger sich weigerte, sich seine lange Mähne kürzen zu lassen. Der Aufnahmeleiter einer Jugendsendung hatte ihn aufgefordert, sich die Haare schneiden zu lassen. Lange Haare waren ja verpönt und nicht gern gesehen, wegen der Verderbtheit der vermuteten westlichen Einflüsse auf die Jugend. Bis zu einem gewissen Grade wurde es toleriert, aber in einem solchen Fall – offene Verweigerung eines Kniefalls – hatte man ausgespielt.
Da sich der Sänger dem befohlenen Haircut widersetzte, wurde die Band vom Aufnahmeleiter gecancelt und nach Hause geschickt. Ein Jahr später stellten sie einen Ausreiseantrag. War damals eine meiner Lieblingsbands, lange gab es sie ja deswegen leider nicht …

Putins bester Mann

Botschafter Melnyk war Putins bester Mann. Niemand hat so viel getan, um die Leute daran zweifeln zu lassen, ob die bedingungslose Unterstützung der Ukraine, inklusive Waffenlieferungen für umme, wirklich so eine gute Sache ist und wohin es führen mag, wenn man dem pöbelnden Botschafter eines kleinen Staates, der ohnehin jede erdenkliche Sympathie und Hilfe genießt, hier in einem Gastland erlaubt, in der Innenpolitik den Zuchtmeister zu geben. Melnyk könnte glatt ein russischer Agent gewesen sein, der den expliziten Auftrag hatte, durch hasserfüllte Provokationen gegen angeblich zu russlandfreundliche deutsche Politiker eine trotzige Gegenreaktion in der deutschen Bevölkerung hervorzurufen, die vielleicht naiverweise Dankbarkeit für bereits gewährte Unterstützung, jedenfalls keine neuen Schuldzuweisungen erwartet hatte. Wenn es sein Plan war, die Bevölkerung der ukrainischen Sache zu entfremden und im Gegenzug eine Solidarisierung mit den als russlandfreundlich geschmähten Politikern zu erreichen und für russische Argumente, geschweige denn deutsche Interessen zu sensibilisieren, dann war seine Strategie ziemlich wirkungsvoll. Eine allzu menschliche Reaktion.
Doch was für ein Armutszeugnis für die Scholz-Administration, der es nicht möglich bzw. nicht erlaubt war, einen kleinen Botschafter, der mit seinen Ausfällen über Monate gegen jegliche diplomatischen Etikette verstieß, schnellstmöglich auszuweisen, so wie es in jedem normalen bzw. souveränen Staat passiert wäre. Peinlich und armselig, aber auch über diese Personalie wurde andernorts entschieden …
Mittlerweile ist er von Selenskyj abberufen worden, doch aus den Tiefen des Twitter-Universums schießt er weiterhin zielsicher seine Giftpfeile auf jeden BRD-Repräsentanten ab, der nicht auf transatlantischer Linie und somit auf Kriegskurs ist. Es bleibt wie immer spannend …

Fliegender Wechsel

Ziemlich schlau: Nachdem Bushido die Verbindung zu seinem früheren Paten, dem Oberhaupt einer stadtbekannten Berliner Großfamilie, gelöst hat, hat er sich nun in Gestalt des Bundespräsidenten gewissermaßen einen neuen Paten auserkoren. Ist ein cleverer Schachzug, wie ich finde: Die an sich nur symbolische Ehrenpatenschaft gewinnt nun durch die mediale Verbreitung in der Öffentlichkeit erst an Bedeutung. Es kommt in den Augen des Publikums einer Adelung gleich. Wer würde es ab jetzt noch wagen, den Vater von Steinmeiers Patenkind anzugreifen oder anzuklagen? Egal, ob Richter oder Straßenkrieger. Dürfte mit einigem Risiko verbunden sein, denn das Amt des Bundespräsidenten könnte sonst Schaden nehmen. Das wäre peinlich für die „Demokratie“. Hoffen wir, dass „Don Franko“, der die Ehrenpatenschaft für einen Drilling, nämlich das siebtgeborene Kind Bushidos, übernimmt, sich damit nicht übernommen hat und dass er sich vor allem seinen Aufgaben und Pflichten als „Ehrenpate“ einer aufstrebenden neuen deutschen Großfamilie bewusst ist. Denn Ehrenpatenschaft, wie der Name offenbar schon sagt, bedeutet: Es sollte ihm eine Ehre sein, dass Bushido nebst Gattin gerade ihn als Paten ausgewählt haben …

Hirnverbrannt

Selbst wenn man täglich nur Teaser oder Überschriften liest, kommt einem vieles so hirnverbrannt vor, teils völlig widersprüchlich oder auch voll von unfreiwilliger Komik. Ich kann mir schwerlich vorstellen, wie man täglich solch einen vor Widersprüchlichkeit strotzenden Stuss verfassen kann, ohne einen Schreikrampf zu kriegen
Putin bietet an, Erdgas über Nord Stream 2 nach Deutschland zu liefern und so die Versorgung zu sichern. Wenn das mal keine glasklare Kriegserklärung ist.
Für den Herrn Ressortleiter hingegen ist Gas nicht gleich Gas. Es gibt gutes Gas und böses Gas.
Denn das gute Gas wäre ja das Erdgas, das über Nord Stream 1 geliefert wird.
Erdgas braucht man hierzulande dringend, will aber eigentlich nur, dass die Russen noch so lange brav liefern, bis man sich bei anderen Schurkenstaaten mit LNG teuer eindecken kann. Blöderweise hat man das den Russen ja auch signalisiert bzw. trotzig einen Gasboykott angekündigt. Da müsste man doch denken, dass man den Deutschen einen Gefallen tut, wenn Gazprom die Zufuhr schon mal allmählich drosselt. Das ist den Herren in den deutschen Zeitungsredaktionen aber auch wieder nicht recht.
Noch bescheuerter aber, dass man Sanktionen abgenickt hat, die dazu dienen oder auch nur den berechtigten Vorwand liefern, die einzige funktionierende Pipeline aus technischen Gründen lahmzulegen.
Wohlgemerkt: Die BRD-Wirtschaft braucht Erdgas, sonst ist ohnehin Schicht im Schacht.
Nun: Nord Stream 2 hätte tatsächlich unsere Probleme auf absehbare Zeit gelöst. Hätte schon vor Jahren ans Netz gehen können, wenn man sich nicht den Sanktionen der Amerikaner unterworfen hätte. Hätte man damals nicht vor den Amis gebuckelt, sondern hätte man sich staatlicherseits hinter die Zulieferer gestellt, die Rohre verlegen sollten, wäre Nord Stream 2 längst fertig gewesen. So gab es ja eine Verzögerung von ca. zwei Jahren, bis die Russen ihr eigenes Verlegeschiff ausgerüstet hatten.
Wer weiß, vielleicht wäre auch nicht passiert, was passiert ist, wenn Nord Stream 2 beizeiten ans Netz gegangen wäre. Das Nord Stream 2-Drama war ein Symbol für die Abkehr von Russland auf Raten – Putin muss das bewusst gewesen sein. Aber gut, warum soll man Nord Stream 2 nicht jetzt noch in Betrieb nehmen? Steht ja quasi schon unter Druck. Okay, ein paar Schreibstubenhengste in irgendeiner Behörde müssten erst ein paar Zulassungs- und Genehmigungspapiere unterzeichnen. Geschenkt. Kann man auch per Notzulassung regeln, wie sonst auch. Bleibt aber ein reines Traumgespinst. Denn Kanzler Ohneland von Washingtons Gnaden hat es sowieso nicht in der Hand.

Falsch

Dieser Krieg ist falsch. Krieg verändert alles. Der Krieg gegen die Ukraine markiert das Ende einer Epoche. Es ist nun klar, dass Russland eine ganz normale Supermacht ist, die eigene hegemoniale Interessen verfolgt. Daher kann ich auch die teils verbissene Nibelungentreue zu Russland in Teilen oppositioneller Kreise nicht mehr verstehen. Das neue Russland Putins wird es euch nicht danken. Russland verfolgt allein russische bzw. „russländische“ Interessen und schert sich ohnehin nicht (mehr) um uns. Die vermeintliche Fortsetzung der Politik mit militärischen Mitteln ist das Ende der harmlosen Friedensdiplomatie, an die wir gewohnt waren und zu deren Instrumentarium noch Drohgebärden, Finten und Desinformation gehörten. Man rüstete zwar, unterstützte auch diese oder jene abtrünnige Region oder Bürgerkriegspartei, schloss oder stärkte Bündnisse, aber brach keinen offenen Krieg vom Zaun. Das ist vorbei. Der an die Wand gespielte Spieler hat die Nerven verloren und alle Schachfiguren vom Brett gefegt. Die Figuren prallen von der Wand ab. Das Schachbrett folgt in hohem Bogen. Der Spieler trampelt noch eine Weile sinnloserweise auf dem Brett herum, bevor er den Raum verlässt. Aufräumen mögen andere.
Alles wird und muss man jetzt mit anderen Augen betrachten. Kriegsparteien können siegen, verlieren, besetzen, besetzt werden, verhandeln, schließlich Frieden schließen, aber die Welt wird danach nie wieder so sein wie vorher. Man kann sich arrangieren, aber der Vorkriegszustand ist nicht rückholbar, er bleibt hinter dem Vorhang der Geschichte verborgen. Die Getöteten bleiben tot, Städte und Ortschaften zerstört, Landschaften umgepflügt, neue Wunden sind gerissen, neue Probleme geschaffen, unversöhnliche Feindschaften entstanden oder wiederbelebt.

Warum Putin letztlich den Einmarsch seiner Truppen in die Ukraine befohlen hat und welche Strategie er jetzt verfolgt, indem er die Ukraine wie eine Dampfwalze überrollen lässt, ist jetzt nur noch von sekundärer Bedeutung.
Der Krieg hat alles verändert. Bei allen versuchten Rechtfertigungen, Erklärungen oder nachträglich untergeschobenen Begründungen gibt es eine unumstößliche Tatsache, die sich nicht wegdiskutieren lässt: Putin hat diesen offenen Krieg begonnen. Er hat den Angriff auf ein fremdes, souveränes Land befohlen, den Tod tausender Menschen veranlasst oder wissentlich in Kauf genommen und sich damit ins Unrecht gesetzt. Daran gibt es nichts zu deuten. Die russischen Truppen befinden sich auf fremdem Terrain. Dort sollten sie nicht sein. Ukrainer haben das Recht, sich zu verteidigen. Sie haben auch das Recht, sich zu bewaffnen. Es ist ihr Land. All die, die gestorben sind und noch sterben werden, wären ohne diese Invasion noch am Leben. Daher kann ich diesen Krieg nicht gutheißen und nicht billigen. Waffenstillstand, Rückzug, jetzt!

Andere Zeiten …

Jeder Idiot kann einen Krieg beginnen, aber selbst 100 weise Männer können ihn nicht beenden, soll der sowjetische Partei- und Staatschef Nikita Chruschtschow einst auf innerparteiliche Kritik entgegnet haben, als ihm der Rückzug sowjetischer Atomraketen aus Kuba als Schwäche und Einknicken vor den USA ausgelegt wurde. Ich erinnere mich noch daran, dass Chruschtschow bei uns (natürlich nur hinter vorgehaltener Hand) als einfach gestrickt und ungeschickter Bauerntölpel geschmäht wurde, und doch hatte er im Moment höchster Kriegsgefahr staatsmännische Besonnenheit und charakterliche Größe bewiesen, als er dem außenpolitisch unerfahrenen Kennedy den medialen Triumph überließ, den jener nötig zu haben glaubte. Chruschtschow war innenpolitisch angeschlagen, aber der Weltfrieden wurde durch seine Zugeständnisse bewahrt, zumal in Geheimverhandlungen auch der Rückzug von US-Raketen aus der Türkei vereinbart worden war.

Putins Bärendienst …

Dieser Krieg in der Ukraine ist eine Katastrophe, und er wird kein einziges Problem lösen, nur neue schaffen. Wenn es vorher schon schlimm war, jetzt wird es noch schlimmer werden. Alle werden verlieren: Ukrainer, Russen und wir. Niemand wird gewinnen. Die einzigen, die von den negativen Auswirkungen unberührt bleiben und gestärkt daraus hervorgehen werden, sind die USA und China. Russland kann die Ukraine unter Aufbietung aller Kräfte bezwingen, eine Teilung erzwingen, fragt sich nur, zu welchem Preis. Klar ist, wer ihn bezahlen muss. Tausende russische und ukrainische Opfer für einen Streifen Land, der in weiten Teilen eher einer Mondwüste gleichen wird, Straßen, die wieder von ausgebrannten und zerschossenen Fahrzeug- und Panzerwracks gesäumt werden … Eine Tragödie. Militärisch ist den russischen Streitkräften nicht beizukommen, aber die Propagandaschlacht haben sie bereits verloren. Russland ist mit einem Schlag weltweit geächtet und ausgeschlossen. Moralische Gewinner werden so oder so die Ukrainer sein. Wer seine Heimat gegen einen Aggressor verteidigt, hat das Recht auf Selbstverteidigung. Die ethnischen Russen in den abgespaltenen Donbass-Regionen konnten sich auf ihr Selbstbestimmungsrecht als Volk berufen und sich für unabhängig erklären. Jedoch rechtfertigt dies nicht den Einmarsch der russischen Streitkräfte über diese Gebiete hinaus. Im Nachgang werden die Frontstaaten von den USA zu waffenstarrenden, unsinkbaren Flugzeugträgern hochgerüstet – die Nato wird jetzt erst recht ausgeweitet und gestärkt – die öffentliche Meinung im Westen dreht sich, denn Putin selbst hat den US-Kriegstreibern das beste Argument für eine russische Bedrohung geliefert. Eine Entwicklung, die Putin verhindern wollte, wird jetzt sogar noch beschleunigt. Putin hat die Nerven verloren und dem russischen Volk sowie allen Unterstützern und Sympathisanten im Westen einen Bärendienst erwiesen. Im Ausland werden Russen und sog. Russenversteher ab jetzt einen schweren Stand haben. Die komplexe Vorgeschichte des Konfliktes, die historischen Ursachen, die Putin in seiner 55-minütigen Ansprache thematisiert hat, die schwierige Lage der Russen im Donbass, die seit acht Jahren um ihr Selbstbestimmungsrecht kämpfen – all das rückt jetzt in den Hintergrund und wird in den Augen des Westens nichts mehr zählen, denn Putin hat sich für die Kriegsoption entschieden.  Es hätte kaum schlimmer kommen können.

Ich hatte ursprünglich nicht gedacht, dass Putin eine Intervention tatsächlich befehlen würde. Die Anerkennung der beiden Donbass-Republiken und die Sicherung ihrer Verwaltungsgrenzen hatte ich erwartet, mehr aber nicht. Mit diesem offenen Krieg, der trotz aller Friedensbeteuerungen vom Zaun gebrochen wurde, hat Putin dem Ansehen Russlands auf lange Zeit oder irreparablen Schaden zugefügt. Junge Soldaten werden sinnlos verheizt, zivile Opfer wird es (ungeachtet der Versprechen, sie schonen zu wollen) massig geben. Stichwort Eigendynamik. Neue Wunden werden aufgerissen, neue Konfliktlinien entstehen, alte Feindbilder werden wiederbelebt. Das kann man nicht gutheißen oder rechtfertigen. Möglicherweise wird ein neuer Eiserner Vorhang errichtet. Ich weiß nicht, warum Putin diesen Einmarsch befohlen hat. Es gibt diverse Vermutungen dazu. Es kann sich um einen fehlgeschlagenen Bluff gehandelt haben, wie ein Blogger namens Hadmut Danisch in einem Beitrag darlegte. Ich vermute hingegen, dass Putin fatalen Fehleinschätzungen bezüglich der Stärke und Standhaftigkeit der ukrainischen Streitkräfte aufgesessen ist oder von falschen Annahmen im Hinblick auf die Reaktion der ukrainischen Führung und der westlichen Öffentlichkeit ausging, als er den Angriff nach einigem Zaudern befahl. Putin ist fast 70 und wird (wie wir alle) nicht jünger, er ist weder ein begnadeter Diplomat noch ein auf Ausgleich bedachter Realpolitiker, der sich immer wieder geduldig um kleinste Fortschritte bemüht, sondern entstammt der Garde der spätsowjetischen beratungsresistenten Schreibtischoffiziere, die altem Machtdenken verhaftet sind und freihändig entscheiden. Eine Nachfolgeplanung ist nicht bekannt, so wollte er möglicherweise eine Lösung erzwingen, um Nägel mit Köpfen zu machen und keine ungeklärten Verhältnisse zu hinterlassen. Vielleicht hatte er erwartet, ukrainische Militärs würden gegen Selenski putschen oder es würde zu einer schnellen Kapitulation ohne größere Kampfhandlungen kommen. Daher hatte er vermutlich zu schwache Kräfte ohne Nachschubplanung einmarschieren lassen. Dies schließe ich auch daraus, dass Putin, wenn ich mich recht erinnere, am ersten oder zweiten Tag der Operation das ukrainische Militär aufgefordert hatte, die Waffen niederzulegen. Als sich der Widerstand als hartnäckiger erwies als gedacht, das Überraschungsmoment verpasst war und Selenski nicht flüchtete oder um Gnade winselte und fast der gesamte Westen sofort für die Seite der Ukrainer Partei ergriff, waren die Würfel im Grunde gefallen. Eine schnelle Verhandlungslösung war nicht mehr zu erwarten, ein Rückzug käme dem Eingeständnis einer Niederlage gleich, da hätte er sich gleich selbst die Kugel geben können – es blieb Putin nach eigenem Verständnis nur, die volle Militärmaschinerie in Gang zu setzen. Nichts wird mehr so sein, wie es war. Wir werden sehen …