Falsch

Dieser Krieg ist falsch. Krieg verändert alles. Der Krieg gegen die Ukraine markiert das Ende einer Epoche. Es ist nun klar, dass Russland eine ganz normale Supermacht ist, die eigene hegemoniale Interessen verfolgt. Daher kann ich auch die teils verbissene Nibelungentreue zu Russland in Teilen oppositioneller Kreise nicht mehr verstehen. Das neue Russland Putins wird es euch nicht danken. Russland verfolgt allein russische bzw. „russländische“ Interessen und schert sich ohnehin nicht (mehr) um uns. Die vermeintliche Fortsetzung der Politik mit militärischen Mitteln ist das Ende der harmlosen Friedensdiplomatie, an die wir gewohnt waren und zu deren Instrumentarium noch Drohgebärden, Finten und Desinformation gehörten. Man rüstete zwar, unterstützte auch diese oder jene abtrünnige Region oder Bürgerkriegspartei, schloss oder stärkte Bündnisse, aber brach keinen offenen Krieg vom Zaun. Das ist vorbei. Der an die Wand gespielte Spieler hat die Nerven verloren und alle Schachfiguren vom Brett gefegt. Die Figuren prallen von der Wand ab. Das Schachbrett folgt in hohem Bogen. Der Spieler trampelt noch eine Weile sinnloserweise auf dem Brett herum, bevor er den Raum verlässt. Aufräumen mögen andere.
Alles wird und muss man jetzt mit anderen Augen betrachten. Kriegsparteien können siegen, verlieren, besetzen, besetzt werden, verhandeln, schließlich Frieden schließen, aber die Welt wird danach nie wieder so sein wie vorher. Man kann sich arrangieren, aber der Vorkriegszustand ist nicht rückholbar, er bleibt hinter dem Vorhang der Geschichte verborgen. Die Getöteten bleiben tot, Städte und Ortschaften zerstört, Landschaften umgepflügt, neue Wunden sind gerissen, neue Probleme geschaffen, unversöhnliche Feindschaften entstanden oder wiederbelebt.

Warum Putin letztlich den Einmarsch seiner Truppen in die Ukraine befohlen hat und welche Strategie er jetzt verfolgt, indem er die Ukraine wie eine Dampfwalze überrollen lässt, ist jetzt nur noch von sekundärer Bedeutung.
Der Krieg hat alles verändert. Bei allen versuchten Rechtfertigungen, Erklärungen oder nachträglich untergeschobenen Begründungen gibt es eine unumstößliche Tatsache, die sich nicht wegdiskutieren lässt: Putin hat diesen offenen Krieg begonnen. Er hat den Angriff auf ein fremdes, souveränes Land befohlen, den Tod tausender Menschen veranlasst oder wissentlich in Kauf genommen und sich damit ins Unrecht gesetzt. Daran gibt es nichts zu deuten. Die russischen Truppen befinden sich auf fremdem Terrain. Dort sollten sie nicht sein. Ukrainer haben das Recht, sich zu verteidigen. Sie haben auch das Recht, sich zu bewaffnen. Es ist ihr Land. All die, die gestorben sind und noch sterben werden, wären ohne diese Invasion noch am Leben. Daher kann ich diesen Krieg nicht gutheißen und nicht billigen. Waffenstillstand, Rückzug, jetzt!

3 Gedanken zu “Falsch

  1. LePenseur 10. März 2022 / 22:15

    „Warum Bush letztlich den Einmarsch seiner Truppen in den Irak befohlen hat und welche Strategie er jetzt verfolgt, indem er den Irak wie eine Dampfwalze überrollen lässt, ist jetzt nur noch von sekundärer Bedeutung.

    Der Krieg hat alles verändert. Bei allen versuchten Rechtfertigungen, Erklärungen oder nachträglich untergeschobenen Begründungen gibt es eine unumstößliche Tatsache, die sich nicht wegdiskutieren lässt: Bush hat diesen offenen Krieg begonnen. Er hat den Angriff auf ein fremdes, souveränes Land befohlen, den Tod tausender Menschen veranlasst oder wissentlich in Kauf genommen und sich damit ins Unrecht gesetzt. Daran gibt es nichts zu deuten. Die amerikanischen Truppen befinden sich auf fremdem Terrain. Dort sollten sie nicht sein. Iraker haben das Recht, sich zu verteidigen. Sie haben auch das Recht, sich zu bewaffnen. Es ist ihr Land. All die, die gestorben sind und noch sterben werden, wären ohne diese Invasion noch am Leben. Daher kann ich diesen Krieg nicht gutheißen und nicht billigen. Waffenstillstand, Rückzug, jetzt!“

    Nur die Namen sind anders. Vielleicht war Ihre eigene Reaktion damals (d.h.: bei Bush sen. und Bush jun.) jeweils gleich. Nur in der allgemeinen Wahrnehmung unserer Welt hieß es damals nicht: „Der Krieg gegen den Irak markiert das Ende einer Epoche.“

    Da begeisterte sich alle Welt über die brandaktuellen Bilder, die CNN mit seinen „embedded journalists“ vom Kriegsschauplatz lieferte. Vom Recht der Iraker, nicht angegriffen zu werden habe ich damals, beide Male, nicht wirklich was gehört.

    Und deshalb halte ich die ungleiche Reaktion auf zwei sehr gleiche Vorgehensweisen für … ziemlich heuchlerisch. Was ich nicht explizit auf Ihre Reaktion münze (denn, wie gesagt: vielleicht waren Sie damals über Bush sen. bzw. jun. ebenso empört …) — aber sehr wohl auf die medialen und politischen Reaktionen damals und heute.

    Und ja: Sie haben recht: Der Krieg gegen die Ukraine markiert das Ende einer Epoche. Das Ende der epoche, in der eine Hegemonialmacht allein die Welt dirigieren konnte (oder wenigstens massiv den Eindruck zu erwecken versuchte, sie könne es). Ich kann diesem Ende einer monopolaren Weltordnung keine Tränen nachweinen. Als Libertärer habe ich prinzipiell was gegen Monopole. Denn wie die Erfahrung zeigt: der einem solchen Ausgelieferte fährt damit schlechter, und nur der Monopolist gewinnt dabei (wenigstens für den Anfang). Und da ich kein Amerikaner bin, kann ich dem, was mir schadet, nicht wirklich was abgewinnen.

    Das ändert nichts daran, daß dieser Krieg seine Schrecken hat wie jeder Krieg. Und daß es besser wäre, wenn es ihn nicht gäbe. Dieser verständliche Wunsch ändert andererseits auch nichts daran, daß dieser Krieg nicht nur deshalb kam, weil Putin oder Rußland so böse ist, sondern zumindest auch deshalb, weil andere nicht weniger böse agier(t)en. Er wäre nicht gekommen, hätte die Ukraine sich neutral verhalten. Als Österreicher lebe ich Zeit meines Lebens in einem neutralen Land. Ich kann nicht finden, daß Österreich damit schlecht gefahren wäre. Den Schweizern, die diese Neutralität schon seit dem frühen 19. Jahrhundert einhielten, sind durch sie die Greuel des 1. und 2. Weltkriegs erspart geblieben.

    Lady Astor antwortete um 1930 bei einem Dinner auf die Frage, wo dieser verdammte Hitler eigentlich geboren wurde, mit einem knappen: „In Versailles“. Und so könnte man, wenn sich das alles (was ich nicht erwarte) zu einem 3. Weltkrieg auswachsen sollte, dann vermutlich sagen: dieser Krieg „wurde in Berlin geboren“ — als Metapher, natürlich. Denn sein Keim wurde gezeugt, indem man im Zuge der deutschen Wiedervereinigungsverhandlungen die russische (damals: sowjetische) Seite mit Zusagen übers Ohr gehauen hatte, die man offensichtlich (wie nur wenige Jahre später ersichtlich) nie einhalten wollte.

    Sie haben recht: nach diesem Krieg ist nichts mehr so vie vorher. Vieles wird schlechter sein, manches vielleicht auch besser. Was jeden Krieg an sich nicht besser macht: denn das Bessere hätte man, hätte man nur gewollt, auch ohne ihn erzielen können. Die, die das nicht wollten, werden sich ihrer rechtlichen Verantwortung vielleicht — und wenn sie auf der Siegerseite sind: sogar sicher — entziehen können, wie so oft in der Geschichte. Bei der Verantwortung vor ihrem Gewissen (oder: ihrem Schöpfer, wenn man es religiös sieht) wird es ihnen nicht gelingen.

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    • citronimus prime 11. März 2022 / 13:03

      Ihre Ergänzung und Kommentierung ist ja auch völlig zutreffend, werter LePenseur.
      Ich lehne alle ungerechten Kriege (grob gesagt: Angriffskriege) ab. Auch die US-amerikanischen und Nato-unterstützten Kriege waren verbrecherisch, und die Reaktion der Mehrzahl westlicher Medien darauf war von einer unterwürfigen Einstellung gegenüber den USA geprägt, wie Sie völlig zu Recht schreiben, was nun von abhängigen Vasallenstaaten und deren offiziösen Medien nicht anders zu erwarten ist. Das ändert nun nichts an meiner subjektiven Einschätzung und tiefen Enttäuschung darüber, dass Putin hier in diesem Fall auch zur Durchsetzung seiner Interessen die Kriegskarte gezückt hat, was die große Gefahr einer weiteren Eskalation in sich birgt. Man hat immer eine Wahl. Ein Mann hat für alle entschieden, nur er allein. Vielleicht hatte ich mir diesbezüglich auch Illusionen gemacht, dass Putin besonnener handeln und vorgehen würde. Ich halte sein Vorgehen wie geschrieben für einen schweren Fehler. Sicherlich hat er sich bzw. seine Einstellung zum Westen auch verändert, wie auch Fasbender in seiner Putin-Biografie schreibt – im Alleingang über viele Jahre die Geschicke eines Landes lenkend, desillusioniert und enttäuscht über verweigerte Kooperation und Anerkennung, das verändert und verbittert einen Menschen.
      Die geopolitische Sicht auf die Weltkarte ist die eine Seite, die andere Seite ist das menschliche Leid aller Betroffenen, das wiegt für mich eben unsagbarer schwerer. Ich könnte es mir einfacher machen und die Sache distanziert betrachten, geopolitisch, von der Landkarte aus die Truppenbewegungen kommentieren – aber ich bin taktische Spiegelfechtereien vor dem Bildschirm leid. Ich bin kein Pazifist, habe das Militärhandwerk vor vielen Jahren an einer militärischen Hochschule von der Pike auf gelernt, kann aber nur wiederholen: Ich sehe da einfach keinen Sinn. Es ist die Opfer nicht wert, weder strategisch noch politisch oder wirtschaftlich. Und: In unserem eigenen (deutschen) Interesse ist der Konflikt auch nicht – unser Einfluss sollte also mäßigend sein, das ist eh das Einzige, was wir tun können und was für uns zählen sollte …

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