Vorhin auf dem S-Bahnhof …

… da sah ich jemanden mit einer Tageszeitung in der Hand. Mittlerweile ein ungewohnter Anblick, was früher ein vertrautes Szenario war. Schnell morgens eine Zeitung greifen, um zu sehen, was abgeht in Berlin und in der Welt. Ein Ritual, man erinnert sich an das Gefühl der Gemütlichkeit, das sich einstellt, wenn man beim Kaffee die gewohnte Zeitung zur Hand nimmt und sich schnell einen Überblick über das Weltgeschehen, über die üblichen Katastrophen und das immerwährende Elend in der Welt verschafft. Der Duft der Druckerschwärze. Unvergessen. Mittlerweile halten sich die meisten Wartenden auf den Bahnhöfen und die Insassen der öffentlichen Verkehrsmittel an ihren Smartphones fest, starren wie gebannt auf ihre Chat-Verläufe, tippen auf den Bildschirmen herum, scrollen sich im Drei-Sekunden-Rhythmus durch Listen von Videoclips ihrer Stars und Influencer oder brabbeln wie geistesgestört irgendwas vor sich hin. Aber der Mann, den ich heute früh sah, der hatte tatsächlich die frische Ausgabe der BZ in der Hand, einer einst großen Berliner Boulevardzeitung. Ich nehme an, dass es die aktuelle Ausgabe war, denn auch wenn der Zeitungskauf ohnehin unsinnig ist, hätte es noch weniger Sinn, mit der Zeitung von gestern herumzulaufen. Der Mann mittleren Alters faltete also das Blatt auseinander und machte Anstalten, die fetten Schlagzeilen auf der ersten Seite dieses minderwertigen Presseprodukts zu lesen. Bunt bedrucktes Altpapier für 1,10 Euro – Gehirnwäsche und Ablenkung für die letzten Proles, die wenigstens noch ein paar Zeilen lesen können und wollen. Erfolgreich bekämpfte ich mein aufkommendes Mitleid mit dem Mann. Der sah auch schon aus wie der letzte Trottel …

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